Gemüse und Solidarität. Urbane Landwirtschaft und Gemeinschaftsgärten in Buenos Aires

Ella von der Haide
SKRIPTE ZU MIGRATION UND NACHHALTIGKEIT Nr. 5
Stiftung Interkultur
München, Juni 2007
(Druckversion umsonst anforder) info(at)stiftung-interkultur.de
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Urbane Landwirtschaft oder innerstädtische Gärten existieren, seitdem es Städte gibt, denn die ersten Siedlungen haben sich um Gärten herum entwickelt. Im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung im letzten Jahrhundert geriet die Praxis des innerstädtischen Gemüseanbaus jedoch weitgehend aus dem Blickfeld der Stadtplanung. In der Realität verschwand sie allerdings niemals ganz, sondern bestand informell weiter. Erst die Krisen der Moderne bzw. das Ende des fordistischen Entwicklungsmodells haben weltweit zu einer intensiveren theoretischen Beschäfti-gung mit kleinteiligen, vor Ort organisierten, informellen Praxen geführt. Die Interaktion der GärtnerInnen mit der Stadtentwicklung und Stadtplanung rückt seit einigen Jahren ins Zentrum des Interesses. Argentinien und seine „Gartenbewegung“, die sich nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001 entwickelt hat, kann hier als Modellfall gesehen werden für eine mögliche Entwicklung auch in anderen Kontexten und nicht zuletzt auch in Europa.

In diesem Beitrag werde ich zunächst eine Einführung zu urbaner Landwirtschaft geben, Vor- und Nachteile dieser Praxis beschreiben, um dann auf die Situation in Buenos Aires genauer einzugehen und schließlich einige Empfehlungen an die Stadtplanung zu formulieren. In einer dreimonatigen qualitativen Studie vor Ort konnte ich 2003 die gerade im Ent-stehen begriffene „Gartenbewegung“ in Buenos Aires kennen lernen. Daraus ist eine Diplomarbeit entstanden, deren wichtigste Ergebnisse ich hier vorstelle.

Die Spannbreite der urbanen Gärten in Buenos Aires reicht von Haus- und Familien-gärten über Schul- und Krankenhausgärten bis hin zu Gärten von Nachbarschaftsini-tiativen und Erwerbslosenorganisationen. Immer häufiger finden sich darunter gemeinschaftlich betriebene Gärten. Diese Gemeinschaftsprojekte stellen in ihren unterschiedlichen Ausformungen ein Charakteristikum der urbanen Gärten in Argentinien dar. Von unterschiedlichen Basisbewegungen und Organisationen betrieben, spiegelt sich in ihnen die politische und soziale Situation des Landes. Militärdiktatur, Neoliberalismus und die darauf folgende Wirtschaftskrise haben die Entstehung der Gärten stark beeinflusst. Die Gartenprojekte sind Teil gesellschaftlicher Entwicklungen, die jenseits des Staates entstehen und basisdemokratisch nach Alternativen zur bisherigen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft suchen.

Die Gärten mildern dabei nicht nur materielle Not durch die Produktion von ökologischen Nahrungsmitteln, sondern dienen auch dazu, die direkte Umwelt selber zu gestalten, politischen Protest zu transportieren und soziale Netze aufzubauen.